Schlagwort: Riesling

  • Die Weinkarte – Ein nie endender Kompromiss

    Es gibt Aufgaben, die klingen von außen herrlich. „Du darfst die Weinkarte machen” – drei Sekunden lang fühlt sich das an wie ein Freifahrtschein in die eigene Weinwelt. Laurentiuslay rein, ein paar Naturweine, vielleicht ein alter Jahrgang von Rudolf Fürst, etwas Unbekanntes von der Mosel das niemand kennt aber alle kennen sollten.

    Und dann setzt man sich hin. Und die Realität beginnt.

    Die Qual der Wahl 

    Bevor man auch nur eine einzige Position festlegt, steht man vor einem Problem, das von außen niemand sieht: Es gibt zu viele gute Weine.

    Das klingt nach einem Luxusproblem. Ist es in gewisser Weise auch. Aber wer schon einmal versucht hat, aus Hunderten von Weingütern, die man kennt, schätzt oder entdecken möchte, eine überschaubare Karte zu destillieren, weiß: Die Fülle ist nicht befreiend. Sie ist lähmend.

    Da ist der Winzer von der Nahe, dessen Weine man auf einer Verkostung getrunken hat und seitdem nicht vergessen konnte. Der Biodynamiker aus der Pfalz, der noch kaum jemand kennt aber in zwei Jahren alle kennen werden.

    Man macht Listen und streicht wieder. Fügt hinzu und schläft darüber. Fragt sich, ob man zu regional denkt oder zu international. Ob die Karte eine klare Handschrift hat oder wie ein Sammelsurium wirkt.

    Das ist kein Prozess, der sich in einem Nachmittag erledigt. Das ist wochenlange Arbeit im Kopf, auch wenn man gerade eigentlich etwas ganz anderes macht.

    Wie viele Positionen sind eigentlich sinnvoll?

    Die zweite große Frage folgt direkt: Wie groß soll die Karte sein?

    Auch hier gibt es keine einfache Antwort. Eine zu kleine Karte wirkt dünn, bietet dem Gast wenig Auswahl und lässt keinen Spielraum für verschiedene Geschmäcker und Budgets. Eine zu große Karte ist für den Gast erdrückend, für den Betrieb schwer zu kalkulieren und für den Sommelier fast unmöglich sauber zu pflegen. Was passiert mit dem Wein, der schon seit Monaten auf der Karte steht und sich nicht bewegt? Was wenn ein Jahrgang ausläuft und der Nachfolger noch nicht da ist?

    In einem mittelgroßen Betrieb mit überschaubarem Weinkeller gibt es dazu klare Rahmenbedingungen: Ein Wein, der nicht rotiert, bindet Kapital. Zu viele offene Flaschen bedeuten Qualitätsverlust. Und ein Gast, der vor einer Karte mit 200 Positionen sitzt, entscheidet sich am Ende meist für das, was er schon kennt. Und meistens ist es der Grauburgunder. Okay genug von Rebsorten-Bashing. Man fängt also an und denkt in Kategorien: Wie viele Weißweine? Wie viele Rote? Brauche ich einen Rosé? Was ist mit Schaumwein, brauche ich eine Auswahl oder reicht ein guter Champagner und ein Prosecco für den Aperitif?

    Man landet irgendwo zwischen 40 und 80 Positionen, je nach Betrieb. Und selbst das fühlt sich mal zu viel, mal zu wenig an – manchmal an ein und demselben Tag.

    Der Winzer, der schon auf der Karte ist

    Bevor man überhaupt anfängt an neue Weine zu denken, klingelt das Telefon. Der Winzer, mit dem man bereits zusammenarbeitet, möchte wissen, ob sein neuer Jahrgang einen Platz bekommt. Man kennt ihn und eigentlich läuft die Zusammenarbeit gut. Aber der neue Jahrgang ist noch nicht ganz das, was man sich erhofft hätte. Man möchte weiter, den nächsten Qualitätssprung machen. Das, obwohl er wirtschaftlich doch gut funktioniert. Aber man denkt, man sei es den Gästen schuldig nicht zu stagnieren, sondern sich zu entwickeln.

    Wie geht man damit um? Mit Ehrlichkeit – aber mit Fingerspitzengefühl. Das ist eine der ersten echten Lektionen der Weinkartenerstellung: Sie ist kein rein kurativer Akt, sondern auch ein Beziehungsmanagement. Winzer sind Menschen. Hinter jeder Flasche steckt Arbeit, Herzblut und oft ein ganzes Leben. Das verdient Respekt – auch wenn man nein sagt.

    Grauburgunder verkauft sich. Riesling passt besser.

    Also gut, nochmal kurz zu diesem Thema, dann ist aber auch gut. Das ist wohl die frustrierendste Wahrheit der deutschen Gastronomie.

    Man sitzt über der Speisekarte, denkt über den neuen Saisongang nach – Forelle, Meerrettich, ein wenig Säure, Kräuter – und weiß sofort: Ein guter Riesling von der Mosel wäre hier perfekt. Leicht, mineralisch, mit dieser tänzerischen Säure, die das Gericht aufmacht statt es zu erschlagen.

    Aber die Gäste bestellen Grauburgunder. Verlässlich und fast schon trotzig.

    Und man kann es ihnen nicht einmal verdenken. Grauburgunder ist vertraut, rund, zugänglich. Er eckt nicht an und ist der Wein, bei dem niemand falsch liegt und niemand überrascht wird. Riesling dagegen polarisiert – zu sauer, sagen die einen. Zu unbekannt, denken die anderen, auch wenn sie es nicht aussprechen.

    Also stellt man beide auf die Karte. Man schreibt eine Empfehlung dazu. Man erklärt dem Gast am Tisch, warum der Riesling hier die bessere Wahl wäre. Und dann trägt man es mit Haltung, wenn der Grauburgunder wieder als erstes weggeht.

    Der kreative Spielraum, den man eigentlich nie hatte

    In der Theorie ist die Weinkarte ein künstlerisches Dokument. In der Praxis ist sie vor allem aber ein kaufmännisches.

    In einem mittelgroßen Betrieb gibt es Budgets, Einkaufspreise, Kalkulationsvorgaben und Chefs, die zu Recht auf die Marge schauen. Ein Wein, der 40 Euro im Einkauf kostet und schwer zu erklären ist, hat es schwerer auf der Karte als einer für 12 Euro, den jeder kennt. Das bedeutet: Manche Weine, die man liebend gerne listen würde, landen nicht auf der Karte. Manche Ideen bleiben Ideen.

    Und manchmal sitzt man nach stundenlanger Arbeit vor einer Karte, die gut ist – aber eben nicht die Karte, die man im Kopf hatte. Ein Winzer fehlt, weil der Preis nicht passt. Eine spannende Region fehlt, weil sie niemand kennt und das Risiko zu groß ist. Ein Wein, für den man brennt, ist gestrichen worden, weil der Einkauf zu kompliziert ist.

    Man lernt, innerhalb von Grenzen zu kuratieren und das ist, auch wenn es sich manchmal einengend anfühlt, eine echte Fähigkeit. Denn die Frage ist nicht: Wie baue ich die perfekte Weinkarte in einer idealen Welt? Die Frage ist: Wie baue ich die beste Weinkarte, die in diesem Betrieb, für diese Gäste, mit diesem Budget möglich ist?

    Das ist eine andere, aber nicht kleinere Aufgabe.

    Was diese Arbeit einem gibt

    Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich sagen würde, dass mich das alles nie frustriert. Es tut es. Wenn man nach Stunden des Abwägens immer noch nicht weiß, ob die Karte jetzt zu groß oder zu klein ist. Wenn ein Wein, dem man wirklich vertraut, links liegen bleibt, weil der Gast lieber beim Bekannten bleibt. Wenn eine Idee am Budget scheitert oder man sich zum dritten Mal fragt, ob die Handschrift der Karte noch erkennbar ist oder ob man sich bei all den Kompromissen irgendwo dazwischen (selbst) verloren hat.

    Aber genau darin liegt das Wachstum.

    Eine Weinkarte zu erstellen bedeutet, zu lernen wie Gäste wirklich ticken, nicht wie man sich wünscht, dass sie ticken. Es bedeutet, wirtschaftlich zu denken ohne den Anspruch zu verlieren. Es bedeutet, mit Überzeugung zu kuratieren und gleichzeitig loszulassen, wenn ein Wein keinen Platz findet. Und es bedeutet, Beziehungen zu Winzern aufzubauen, die auf gegenseitigem Respekt und Ehrlichkeit beruhen.

    Kein Lehrbuch bereitet einen auf diese Arbeit wirklich vor. Man lernt sie indem man sie macht. Mit ihren Reibungspunkten, ihren Kompromissen, ihrer manchmal lähmenden Fülle an Möglichkeiten und ihren kleinen Siegen, wenn ein Gast auf Empfehlung den Riesling bestellt und am Ende sagt: „Das war genau richtig.”

    Für diese Momente macht man das alles.

    Euer Weinfreund

  • Johan Jostock – Das junge Winzertalent

    Es gibt Weingüter, die man kennt. Und es gibt Weingüter, die man kennen sollte. Das Weingut Jostock-Bülhoff aus Leiwen an der Mittelmosel gehört eindeutig in die zweite Kategorie – und das liegt vor allem an einer Person: Johan Jostock.

    Wer ist Johan Jostock?

    Johan ist jung. Und genau das macht es so spannend, ihm zuzuschauen. Bevor er die Verantwortung im eigenen Betrieb übernahm, hat er sich seine Sporen bei zwei der renommiertesten Adressen der deutschen Weinwelt verdient: erst bei Egon Müller in Wiltingen an der Saar, dann bei Dr. Loosen in Bernkastel-Kues. Zwei Weingüter, die weltweit für Riesling auf höchstem Niveau stehen. Wer dort lernt, hat verstanden, worum es geht.

    Zurück in Leiwen setzt er seitdem eigene Akzente. Die Philosophie ist klar: naturnahe Arbeit im Weinberg, Terroir-Charakter im Glas. Keine großen Kompromisse, keine Abkürzungen. Die Weine sollen zeigen, wo sie herkommen – und das tun sie.

    Was ich an Johan schätze, ist diese Mischung aus Respekt für die Tradition und einem ehrlichen Gestaltungswillen. Er ist kein Winzer, der den Stil seiner Ausbildungsbetriebe kopiert. Er sucht seinen eigenen Weg. Und das hört man in der Flasche.

    Kommen wir nun zu den Weinen

    Riesling Köwericher Laurentiuslay Kabinett – Der Star des Abends

    Kommen wir zum Herzstück: dem Riesling aus der Laurentiuslay. Diese Lage ist keine gewöhnliche. Die Steigung erreicht bis zu 70 Prozent, der Boden ist blau-grauer Devonschiefer, der Hang ist nach Südwesten ausgerichtet und fängt jeden Sonnenstrahl ein, den die Mosel zu bieten hat. Im Hochsommer sind hier Temperaturen von über 60 Grad im Boden gemessen worden – das ist keine Idylle, das ist harte Arbeit für Rebe und Winzer.

    Johans Kabinett aus dieser Lage ist einer jener Weine, die einem zeigen, warum Mosel-Riesling so einzigartig ist. In der Nase ein ganzer Obstkorb – Pfirsich, Zitrusschale, ein Hauch weißer Blüten. Am Gaumen dann diese mineralische Frische, die nicht nachlässt. Leicht, gerade mal zehn Prozent Alkohol – und trotzdem hat der Wein Tiefe und Haltung. Das ist keine Leistung die selbstverständlich ist. Das ist Handwerk.

    Eine Silbermedaille bei der Landesprämierung für Wein und Sekt 2023 hat er bereits eingestrichen. Verdient.

    Gutsriesling

    Wer Johan Jostock noch nicht kennt, sollte hier einsteigen. Der Gutsriesling ist der Visitenkartenwein des Hauses. In der Nase macht er sofort auf sich aufmerksam und am Gaumen setzt sich diese Frische fort. Nichts Überladenes, nichts Gesuchtes – einfach ein Wein, der Spaß macht und gleichzeitig zeigt, dass hier jemand mit Stilgefühl arbeitet. Die Saftigkeit, die Johan als roten Faden durch sein Sortiment zieht, beginnt genau hier.

    Riesling Spätlese

    Wer denkt, Spätlesen seien altmodisch, liegt falsch. Johans Spätlese aus der Laurentiuslay ist ein Argument für die klassische Moselstilistik. Reife Pfirsichnoten, ein Hauch Orange, dazu eine saure Mango-Note, die frech und belebend ist. Der niedrige Alkohol macht ihn zu einem vielseitigen Begleiter – zu asiatischer Küche genauso wie zu einem Sommernachmittag ohne großen Anlass. Ein Wein, dem man ein paar Jahre gönnen darf, wenn man möchte – dann entfaltet er sich zu noch mehr Komplexität.

    Weißburgunder

    Ja, Riesling dominiert die Mosel. Aber Johans Weißburgunder verdient einen kurzen Umweg. Grüner und gelber Apfel prägen das Bild, dazu eine frische, direkte Aromatik, die keinen Schnörkel braucht. Ein ehrlicher Wein, der nicht versucht, mehr zu sein als er ist – und genau deshalb gut funktioniert. Als Aperitif, zum Fisch, oder einfach für sich.

    Ein ehrliches Fazit

    Johan Jostock ist kein fertiger Winzer – und das meine ich als Kompliment. Er ist einer, der noch nicht am Ziel ist, weil er das Ziel immer weiter setzt. Die Weine sind auf einem sehr guten Niveau, besonders der Kabinett aus der Laurentiuslay zeigt bereits eine Reife und Präzision, die beeindruckt. Was ich mir für die Zukunft wünsche: noch mehr Mut, die einzelnen Lagen noch differenzierter herauszuarbeiten. Das Potenzial ist da – sowohl in den Weinbergen als auch im Keller.

    Eines ist sicher: Diesen Namen wird man öfter hören. Danke Johan für die tollen Weine.

    Euer Weinfreund