Seit über 50 Jahren ist die VDP Weinbörse die weltweit führende Fachmesse für deutschen Spitzenwein – und trotzdem überrascht sie mich jedes Mal aufs Neue. Dieses Jahr war ich zwei Tage dabei, und was soll ich sagen: Es war intensiv, laut, manchmal etwas chaotisch, aber alles in allem eine tolle Zeit.
Tag 1 – Zwischen Andrang und großen Weinen
Die Rheingoldhalle in Mainz öffnete am Sonntag ihre Türen von 10 bis 18 Uhr und gefühlt wollten alle gleichzeitig rein. Die Halle war voll. Sehr voll. Wer geglaubt hat, gemütlich von Stand zu Stand zu schlendern, wurde schnell eines Besseren belehrt. Ellenbogen raus, Glas festhalten, Lächeln bewahren – so lautet die inoffizielle Devise.
Essen? Gute Frage. Wer nicht früh genug dran war, hatte Pech gehabt. Gefühlt war gegen Mittag das Angebot auf eine einzige Option zusammengeschrumpft. Für eine Veranstaltung dieser Größe definitiv ein Punkt, den die Organisatoren nächstes Jahr im Blick behalten sollten. Aber gut – wir sind ja wegen des Weins gekommen.
Und da wurde ich mehr als entschädigt.
Weingut Salwey aus dem Kaiserstuhl hat mich mit seiner präzisen, fast kristallinen Stilistik mal wieder beeindruckt. Die Weine von Salwey sind klar, vollständig durchgegoren und werden maßgeblich von den Löß- und Vulkanböden geprägt – und das spürt man wirklich bei jedem Schluck. Besonders hervorgestochen ist für mich der Grauburgunder Eichberg Großes Gewächs: er kommt aus der wärmsten Lage, die Salwey zu bieten hat, was ihm Kraft und Volumen verleiht. Daneben hat mich auch der Spätburgunder Eichberg GG beeindruckt – ein Rotwein, der zeigt, was vulkanischer Boden am Kaiserstuhl wirklich leisten kann.
Rings aus der Pfalz ist immer wieder ein Erlebnis. Die Brüder Steffen und Andreas haben ein untrügliches Gespür für den Lagencharakter ihrer Weine. Vom weltberühmten Kallstadter Saumagen über den extrem mineralischen Steinacker bis hin zum expressiven Terra Rossa des Ungsteiner Weilberg – die Weine dieser Lagen sind einzigartig. Ich habe mich vor allem in den Riesling Saumagen Großes Gewächs verliebt: karg, salzig, mit einer Tiefe, die einen nicht loslässt. Gleich daneben hat der Spätburgunder Felsenberg GG – ihre alte, vergessene Lage in Leistadt, die zu 100 Prozent mit Spätburgunder bepflanzt ist und nur im Besitz von Rings ist – alle Erwartungen übertroffen.
Jülg aus dem äußersten Süden der Pfalz ist ein Name, der bei manchen noch nicht sofort auf der Zunge liegt – und genau das ist das Schöne. Die beste Lage des Weinguts ist der Schweigener Sonnenberg, der sich bis auf französisches Territorium erstreckt , und genau diesen Grenzcharakter spürt man in den Weinen. Der Kammerberg Spätburgunder Großes Gewächs hat mich förmlich in den Boden gedrückt: der Kalkmergeluntergrund und die starke Südausrichtung sorgen für reife, feste Tannine mit großem Alterungspotenzial. Dazu der Sonnenberg Weißburgunder Erste Lage – elegant, würzig, mit einer cremigen Textur, die lange nachhallt.
Und dann Wöhrle aus Baden: ein Name, der vielleicht nicht jedem sofort auf der Zunge liegt, aber genau das ist das Schöne an einer Messe wie dieser. Weine, die überraschen, die Geschichten erzählen. Der Auxerrois – eine selten anzutreffende Rarität – war eine kleine Offenbarung: fein, würzig, mit einer delikaten Exotik, die man in Deutschland kaum erwartet. Daneben hat mich ein Spätburgunder aus dem Haus ebenfalls positiv überrascht – rotfruchtig, klar, mit burgundischem Gespür. Wöhrle ist eine der Entdeckungen, für die man solche Messen liebt.
Tag 2 – Spätburgunder, wohin das Auge reicht
Montag – und ich war früh da. Weiser geworden vom Vortag, direkt los zu den Weingütern, die ich mir für den zweiten Tag aufgespart hatte. Und was für ein Tag das wurde.
Rudolf Fürst aus Franken hat mich regelrecht sprachlos gemacht. Der Centgrafenberg ist die zeitlose, klassische Große Lage für Spätburgunder – mit bis zu 40 Prozent Hangneigung und einem Boden aus rotem Buntsandstein. Der Spätburgunder Centgrafenberg Großes Gewächs ist Meditation in Glasform: charmante Eleganz, eine kühle, tiefe Beerenfrucht, unterlegt von Morgentau und frischen Pfingstrosen – burgundische Finesse mit fränkischem Selbstbewusstsein. Wer das einmal getrunken hat, versteht, warum dieser Name in einem Atemzug mit den Großen der Welt genannt wird. Daneben hat mich der Spätburgunder Schlossberg GG aus Klingenberg stark beeindruckt: warm, fein und seidig – ein ganz anderer Charakter als der Centgrafenberg, aber auf derselben Höhe.
Robert Weil aus dem Rheingau stand dem in nichts nach. Das Weingut baut auf 90 Hektar ausschließlich Riesling an , und der Fokus und die Konsequenz, die das bedeutet, sind in jedem Wein spürbar. Der Kiedrich Gräfenberg Riesling Großes Gewächs ist komplex, mit feiner Struktur und Mineralität sowie einem langen, kraftvollen Abgang – ein Wein, der Zeit braucht und es wert ist. Die Gräfenberg Spätlese dagegen ist das genaue Gegenteil von schwer: schlank, tänzerisch, von einer Klarheit, die man so kaum erwartet.
Van Volxem von der Saar hat wie immer polarisiert – und genau das liebe ich daran. Die Weine sind im Alkoholgehalt bewusst sehr leicht und damit äußerst verträglich, mineralisch und mit opulenter Rieslingfrucht – Weine mit Lagenprofil und Langlebigkeit. Der Scharzhofberger Riesling GG ist von schlanker, gerader Eleganz mit außergewöhnlicher Reinheit, Länge und Frische sowie knackigen Schieferaromen . Daneben hat der Saar-Riesling Gutswein überraschend viel Charakter für einen Einstiegswein – ein perfekter Begleiter für einen langen Abend.
Aus der Pfalz zwei Namen, die ich in meiner Erinnerung dieses Jahr ganz besonders verankert habe:
Fitz-Ritter aus Bad Dürkheim ist ein Weingut mit einer besonderen Geschichte: bereits vor über 110 Jahren Mitbegründer des VDP und damit einer der Urväter des Qualitätsgedankens in Deutschland. Das spürt man in den Weinen. Der Michelsberg Riesling GG – eine Große Lage in Bad Dürkheim – zeigte sich präzise und druckvoll, mit feiner Muschelkalk-Mineralik. Daneben hat der Herrenberg Riesling GG aus Ungstein noch eine spur mehr Würze mitgebracht – ein Wein, der einem nicht loslässt.
Und Friedrich Becker, der mich bereits zum wiederholten Mal förmlich vom Hocker gehauen hat. Die Speerspitze sind die zwei Spätburgunder Großen Gewächse Sankt Paul und Kammerberg – beide wachsen auf der französischen Seite in kleinen Weinbergslagen, beide auf Kalkstein . Der SP – Sankt Paul war für mich das Highlight: floraler und transparenter als der Kammerberg, mit leuchtender Himbeere und roter Pflaume, akzentuiert durch Leder und Waldbodennoten – ein frischer, belebender Rotwein mit Tiefe. Der KB – Kammerberg dagegen ist der dunklere, erdigere Bruder: kraftvoller, dicht, mit enormem Lagerpotenzial. Beide zusammen sind ein Argument dafür, dass die Pfalz kein Dornfelder-Land ist.
Abschluss mit Stil: Steins Traube
Nach zwei intensiven Tagen auf den Beinen, dem Glas in der Hand und dem Kopf voller Eindrücke, brauchte es einen würdigen Abschluss. Den haben wir gefunden – in Steins Traube in Mainz-Finthen.
Was als Dorfwirtschaft im frühen 20. Jahrhundert begann, hat sich über Jahrzehnte zu einem modernen Restaurant mit anspruchsvoller Küche entwickelt . Küchenchef Philipp Stein – in der sechsten Generation am Herd – verkörpert eine zurückhaltende Eleganz in der Küche, die aber bei Bedarf auch mutig innovativ wird . Das Menü war genau das, was man nach zwei Tagen Weinbörse braucht: durchdacht, handwerklich brillant, ohne zu erschlagen.
Das eigentlich Besondere aber war die Weinbegleitung. Im Weinkeller stehen große Namen in beeindruckender Jahrgangstiefe – bis zu zehn Jahrgänge eines Weins – neben neuen Entdeckungen . Und genau das haben wir ausgenutzt: Gereifte Weine zu einem Menü, das ihnen Raum gab. Ein älterer Riesling aus der Saar, der sich nach Jahren in der Flasche vollständig geöffnet hatte. Ein gereifter Spätburgunder, der Tertiarität und Frische in einer Balance zeigte, die jung unmöglich gewesen wäre.
Es gibt kaum einen Ort, an dem ich das Ende einer Messe hätte lieber ausklingen lassen. Vielen Dank für Alles.
Bis nächstes Jahr, Mainz. 🍷
Euer Weinfreund
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